02.07.2014

Arbeitgeber und Gewerkschaft wollen gemeinsam anpacken

IG-Metall-Chef Wetzel zu Gast beim Unternehmertag: Fairer Schlagabtausch, gemeinsame Perspektiven

Auch ein Torwandschießen stand passend zur WM beim Unternehmertag an: Wolfgang Schmitz vom Unternehmerverband (links), Detlef Wetzel von der IG Metall (Mitte) und Wim Abbing vom Unternehmerverband (rechts) mit U-17-Spielerinnen des MSV Duisburg.

Arbeitgeber und Gewerkschaft wollen gemeinsam anpacken


IG-Metall-Chef Detlef Wetzel zu Gast beim Unternehmertag: Fairer Schlagabtausch und gemeinsame Perspektiven




„Es ist immer noch etwas Besonderes, wenn der Gewerkschaftsführer in ein Haus der Unternehmer kommt“, mit diesen Worten begrüßte der Vorstandsvorsitzende des Unternehmerverbandes, Wim Abbing, jetzt den 1. Vorsitzenden der IG Metall, Detlef Wetzel, auf dem Unternehmertag seines Verbandes. Wetzel kam eigens nach Duisburg, um vor den über 200 anwesenden Unternehmern zu sprechen. Abbing hatte für den Siegerländer Wetzel viel persönliches Lob, aber auch kritische Worte mit Blick auf aktuelle Gewerkschaftsforderungen parat.




Mit dem Auftritt des Gewerkschafts-Chefs im Duisburger HAUS DER UNTERNEHMER blieb Abbing seiner Linie treu, auf den Dialog mit anderen gesellschaftlichen Akteuren zu setzen. Er begründete seine Einladung an Wetzel dabei auch mit anerkennenden Worten an den Gast, den er bereits zuvor als verlässlichen Partner in Tarifrunden bezeichnete: „Ein fairer Umgang, dialogorientiert, konstruktiv und pragmatisch, da lieber Herr Wetzel, treffen sich unsere beiden Denkansätze.“




Doch man dürfe auch nicht das, was Arbeitgeber und Gewerkschaften trennt, verwischen. Unterschiedliche Auffassungen gibt es aktuell vor allem bei der Rente und dem Mindestlohn. „Die Rente mit 63 ist ein Schlag in die Magengrube der deutschen Wirtschaft“, geißelte Abbing die Pläne der Bundesregierung, Arbeitnehmern den früheren Renteneintritt zu ermöglichen. Politik und Wirtschaft redeten landauf landab von einem zunehmenden Fachkräfteengpass, würden aber genau diesen Fachkräften jetzt noch früher den „Laufpass“ geben.




Insbesondere wandte sich Abbing gegen die „Verteufelung“ der Arbeit. „Was ist das für ein Bild, wenn allenthalben der Eindruck erweckt wird, es handele sich um eine Art Menschenrechtsverletzung, wenn über das 63. Lebensjahr hinaus gearbeitet wird?“, fragte Abbing. Es müsse im Gegenteil Selbstverständliches selbstverständlich gemacht werden: „Jeder der im Alter arbeiten möchte, muss auch die Möglichkeit bekommen, arbeiten zu dürfen.“




Scharf kritisiert Abbing auch den Mindestlohn. Für ihn ist der Mindestlohn keineswegs nur ein Problem des Niedriglohnsektors. Auch die Industrie, die mit 34 Euro Durchschnittslohn deutlich über dem Mindestlohn liegt, sei betroffen. „Meines Erachtens stehen wir hier vor einem Dammbruch, der die Tarifpartnerschaft insgesamt erfasst. Von nun an wird sich die Politik regelmäßig einmischen, wenn es um Löhne und Gehälter geht“, prognostiziert Abbing.




Den Gewerkschaften warf Abbing vor, sich mit dem Mindestlohn und der Rente mit 63 selbst „ein dickes Ei ins Nest gelegt zu haben“. Statt des „Blicks zurück im Zorn“ wollen die Arbeitgeber aber nach vorne schauen. Bei aller Kritik an der aktuellen Gewerkschaftspolitik sieht der Unternehmerverband ein starkes tarifpolitisches Fundament, auf das man gemeinsam aufbauen könne. „Unsere Tarifpartnerschaft und die Art, wie wir sie mit Leben erfüllen, ist ein Pfund im Wettbewerb. Um diesen Doppelpass zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften werden wir in vielen anderen Ländern beneidet“, sprach Wim Abbing Detlef Wetzel direkt an.




Auch Detlef Wetzel verwies in seiner Rede auf die Bedeutung einer funktionierenden Tarifpartnerschaft für den Standort Deutschland. Der Beitrag der Sozialpartner zum aktuellen wirtschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik sei herausragend. Gute Arbeitsbeziehungen seien die zentrale Voraussetzung für gute Arbeit, eine angemessene Bezahlung und den Erhalt der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit. „Die Tarifautonomie und funktionierende Flächentarifverträge sind das wesentliche Fundament der Arbeitsbeziehungen“, unterstrich Wetzel. Der IG-Metall-Chef beklagte aber, dass in den beiden letzten Jahrzehnten die Tarifbindung der Unternehmen kontinuierlich zurückgehe.




In der aktuellen Debatte um den Mindestlohn sieht auch Wetzel die Gefahr einer schrittweisen Entmachtung der Tarifpartner, sowie der Politisierung und Instrumentalisierung des Mindestlohns. Dabei beziehen sich die Sorgen des Gewerkschaftsführers nicht auf die vom ihm begrüßte Einführung des Mindestlohns an sich, sondern auf seine Ausgestaltung und die geplante Mindestlohn-Kommission. „Es darf nicht dazu kommen, dass sich die Empfehlungen der Kommission zur Anhebung des Mindestlohns in der Praxis zu einer Art allgemeiner Lohnleitlinie für Tarifverhandlungen entwickeln“, warnte Wetzel. Stattdessen solle die allgemeine Tarifentwicklung Basis für die Anhebung des Mindestlohns sein. Und deshalb tue die Große Koalition gut daran, die Orientierung am Tariflohnindex gleich im Gesetz festzuschreiben.




Grundsätzlich gelte beim Thema aber: Der Staat regele nur das, was die Sozialpartner nicht geregelt hätten. „Der Mindestlohn ist kein Eingriff in die Tarifautonomie, sondern Ausdruck des Versagens der Zivilgesellschaft, in dem sie tariffreien Raum zugelassen haben“, sagte Wetzel. Er verwies dabei auf einen wachsenden Niedriglohnsektor. Viele Menschen könnten von ihrer Arbeit nicht leben. Wetzel sieht im Mindestlohn aber auch „ein Experiment“, das regelmäßig überprüft und gegebenenfalls angepasst werden müsse.




Zum zentralen Ziel künftiger Tarifverhandlungen erklärte Wetzel „mehr Zeitsouveränität für Arbeitnehmer und Arbeitgeber“. Die Arbeitszeiten müssten der Lebenswirklichkeit stärker Rechnung tragen. Vor allem müssten sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Stress und Überforderung seien heute die Realität, wenn man beides kombinieren wolle. Hier müssten entsprechende tarifvertragliche Regelungen her.




Die Rentenpläne der Bundesregierung verteidigte der Gewerkschafter. „Nach vielen Jahren gibt es mal wieder eine Politik zugunsten von Arbeitnehmern und Rentnern. Die abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren ist die Anerkennung der Lebensleistung für Menschen, die 45 Jahre hart gearbeitet haben“, so Wetzel.



Trotz inhaltlicher Unterschiede: Sowohl Abbing als auch Wetzel wollen auch in Zukunft eine funktionierende Tarifpartnerschaft. Beide sehen sie als unabdingbare Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik. Sie wollen deswegen im Gespräch bleiben und drängende Probleme, wie den zunehmenden Fachkräfteengpass, gemeinsam anpacken.