18.01.2016

Unternehmer fordern stärkeres Bekenntnis zur Industrie

Veranstaltung des Unternehmerverbandes mit Ex-Ministerpräsident Wolfgang Clement zeigte Chancen, aber auch Sorgen der Industrie

Foto: Unternehmerverband / Begaben sich auf die Suche nach der Zukunft der Industrie (v. l. n. r.): Rasmus C. Beck (Wirtschaftsförderung metropoleruhr GmbH), Vera Demary (Institut der deutschen Wirtschaft Köln), Luitwin Mallmann (unternehmer nrw), Wim Abbing (Unternehmerverband) und Wolfgang Clement (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft)

Einer der zentralen politischen Akteure der vergangenen Jahrzehnte war zum Jahresauftakt Gast im Duisburger HAUS DER UNTERNEHMER. Wolfgang Clement, ehemaliger NRW-Ministerpräsident und „Superminister“ für Wirtschaft und Arbeit im Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder, folgte der Einladung des Unternehmerverbandes, um die Zukunft der Industrie in den Blick zu nehmen. Der Verband hatte die Veranstaltung gemeinsam mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) organisiert. Clement ist Kuratoriumsvorsitzender der Initiative, die den Wirtschaftssandort Deutschland nach vorne bringen will.

Wim Abbing, Vorstandsvorsitzender des Unternehmerverbandes, lobte vor rund 100 Unternehmern den prominenten Gast für seine Verdienste um den Standort Deutschland. Er habe mit der Durchsetzung der Reformpolitik der Agenda 2010 maßgeblich dazu beigetragen, Deutschland wirtschaftlich vom „kranken Mann Europas“ zur Wachstumslokomotive zu machen. Clement sei standhaft geblieben, obwohl er vielen persönlichen Anfeindungen ausgesetzt gewesen sei.

Doch Thema der Veranstaltung war nicht die Vergangenheit, sondern vor allem die Zukunft des Industriestandorts Deutschlands. Abbing betonte in seiner Begrüßung, dass die Industrie das wirtschaftliche Rückgrat der Region und ganz Deutschlands sei. Mit über 5 Millionen Arbeitsplätzen und insgesamt 22.400 Betrieben sei die industrielle Wertschöpfung die Basis für den wirtschaftlichen Erfolg des Landes. Viele weitere Arbeitsplätze und Branchen wie Handel und Banken profitierten von der Industrie.

Abbing sieht allerdings große Belastungen für eben jene Industrie in Deutschland. Er nannte unter anderem die "ausufernde" Bürokratie, gerade für den Mittelstand. Dabei denkt Abbing nicht nur an die Folgen des Mindestlohns oder die geplanten neuen Regulierungen bei Zeitarbeit und Werkverträgen. Der Emmericher Unternehmer berichtete anschaulich aus der Praxis und über jede Menge Berichtspflichten, die etwa die Europäische Union vorschreibe. So müsse der Mittelstand der EU über den Umgang mit Themen wie Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte berichten. Dies koste nicht nur Zeit und Nerven, sondern sei geradezu grotesk angesichts dessen, dass die EU derzeit selbst kaum in der Lage sei, ihre großen Probleme zu lösen.

Abbing richtete sein Blick aber auch auf die Situation im Ruhrgebiet. „Vielleicht ist zwischen Duisburg und Dortmund zu viel von Industriekultur und zu wenig von industrieller Zukunft die Rede.“ Die Schwerindustrie sei längst nicht die einzige industrielle Wertschöpfung, die Duisburg und das Revier zum bedeutenden Industriestandort auch in Zukunft mache. Viele kleine und mittlere Unternehmen, die vom Ruhrgebiet mit hochspezialisierten Verfahren und Produkten die ganze Welt beliefern, seien Champions auf den weltweiten Märkten. „Wir brauchen im Ruhrgebiet wieder ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung dieser Industrie“, forderte Abbing.

 Wolfgang Clement ist für klare Worte bekannt. Die Unternehmer sollten nicht enttäuscht werden, denn auch diesmal redete der 75jährige ehemalige Spitzenpolitiker Tacheles. Beeindruckt zeigten sich die anwesenden Wirtschaftsvertreter aber nicht nur von den kritischen Tönen Clements in Richtung Politik („Zu viele Sozialpolitiker, zu wenig Wirtschaftspolitiker“ oder „Solche Gesetze kann man nur erfinden, wenn man noch nie in einem Betrieb war“). Clement punktete vor allem mit eigenen Vorschlägen zur Energiewende, aber auch zur Bildungspolitik.

 Clement fordert eine „Wende der Energiewende“, die jährliche zusätzlichen Belastungen von 30 Milliarden Euro bringe und eine große Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland darstelle. Investitionen energieintensiver Betriebe blieben seit Jahren aus. Er verlangt eine stärkere europäische Abstimmung der Energiepolitik. Größte Anstrengungen müssten Deutschland und gerade Nordrhein-Westfalen aber bei der Bildungspolitik unternehmen. Es sei nicht hinnehmbar, dass 50.000 Jugendliche ohne Schulabschluss dastehen. Clement fordert mehr Investitionen in Bildung und vor allem in einen stärkeren Praxisbezug der Schulen.

 In einer namhaft besetzten Podiumsrunde wurden Clements Thesen dann diskutiert. Die Wirtschaftsforscherin Vera Demary vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln betonte in der Runde zwar die aktuell gute Stellung der deutschen Industrie im weltweiten Vergleich, sieht aber ebenfalls den Schlüssel für zukünftige Innovationen bereits in den Schulen. Die Digitalisierung sei zudem die entscheidende Herausforderung für die Industrie. Der Hauptgeschäftsführer von METALL NRW und der Landesvereinigung der Unternehmensverbände „unternehmer nrw“, Luitwin Mallmann, sieht mit Blick auf die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit auch einen Konflikt mit den Gewerkschaften. Es müsse auch in Zukunft möglich sein, dass „einfache Arbeiten“ mit angemessener Bezahlung am Industriestandort Deutschland durchgeführt werden. Der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung metropoleruhr GmbH, Rasmus C. Beck, unterstrich die Chancen des Ruhrgebiets. Mit 250.000 Studenten sei das Ruhrgebiet führende Bildungsregion. Er forderte Hochschulen und Wirtschaft im Revier eindringlich auf, stärker zu kooperieren, um Gründungen und Innovationen auf den Weg zu bringen.

In der Diskussion mit dem Publikum kam dann auch die aktuelle Flüchtlings-Situation zur Sprache, die derzeit die Schlagzeilen beherrscht. Trotz aller aktuellen Schwierigkeiten überwiegt bei allen Akteuren die Zuversicht, dass die Herausforderung zu meistern ist. Arbeit sei der Schlüssel zur Integration. Die Bedeutung des Spracherwerbs sei zentral. Luitwin Mallmann von unternehmer nrw unterstrich die Zuversicht und verwies auf aktuelle Umfrage-Zahlen, die zeigten, wie groß die Bereitschaft in der NRW-Wirtschaft sei, beim Thema mit anzupacken.