10.04.2017

Neue Westfälische: "Wirtschaft sieht Luft nach oben" - 10.04.2017

Arndt Kirchhoff, der Präsident von „Unternehmer NRW“, verlangt mehr Digitalisierung an Schulen und eine Willkommenskultur für Betriebe


Düsseldorf. „Wir müssen die Schulen fit machen für das digitale Zeitalter.“ Das fordert Arndt Kirchhoff, der Präsident von „Unternehmer NRW“.

Der Firmenchef aus dem Sauerland sieht hier enormen Nachholbedarf angesichts unzulänglicher Ausstattung vieler Schulen mit Computern und fehlenden Zugängen zum schnellen Internet, den auch viele Firmen außerhalb der Ballungsräume noch immer vermissen. „Aber es geht um mehr als nur technische Ausstattung“, sagt Kirchhoff im Gespräch mit dieser Zeitung. „Die Lehrer müssen sich fortbilden. Sie müssen den Kindern beibringen, wie sie Smartphones und Tablets sinnvoll einsetzen. Es geht um einen vernünftigen Umgang mit den neuen Medien und dem Netz. Damit die Kinder nicht abhängig davon werden. Das ist nicht trivial. Wir müssen eine neue Volksseuche verhindern.“ Im Bildungsbereich sei „viel zu tun“, auch „um zu verhindern, dass es weiteren Zuwachs in Dauerarbeitslosigkeit gibt“. Hier sieht der Arbeitgeberpräsident großen Handlungsbedarf für die neue Landesregierung.

Von der erhofft er sich nach der Wahl am 14. Mai vor allem einen „Masterplan für Industrie“. Der müsse „ressortübergreifend koordiniert und dann konsequent umgesetzt werden“ von einem mit mehr Zuständigkeiten ausgestatteten Wirtschaftsministerium. „Ich erwarte, dass dann alle in der neuen Landesregierung und der sie tragenden Koalition an einem Strang ziehen. Da müssen die Fraktionsvorsitzenden schon mitmachen.“ Das sei leider in der zu Ende gehenden Legislaturperiode nicht immer der Fall gewesen, rügt Kirchhoff Rot-Grün.

Im Wettbewerb mit anderen Ländern habe NRW „Plätze verloren“ und deshalb „noch Luft nach oben“. Kirchhoff stellt fest: „Wir sind ein Kraftzentrum mit 18 Millionen Menschen. Das ist der größte urbane Raum Europas. Wir haben noch sämtliche Wertschöpfungsketten im Land. Das ist ein Plus. Wir haben eine dichte Hochschullandschaft. Auch das ist ein Plus. Wir haben die meisten mittelständischen Unternehmen, ebenfalls ein Vorteil. Wir haben Potenzial. Aber daraus müssen wir mehr machen.“ Deshalb sei das Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent im letzten Jahr zwar erfreulich, aber noch nicht ausreichend, weil es unter dem Bundesdurchschnitt bleibe. Vor allem im Bereich Industrie falle NRW gegenüber anderen Regionen immer weiter zurück.

Kirchhoff vermisst eine „Willkommenskultur für Unternehmen“. „Ich sehe hier niemanden, der den roten Teppich ausrollt.“ Das sei in Bayern und Baden-Württemberg anders. „Wir brauchen in NRW ein neues Grundempfinden fürWirtschaft“. Im Süden würden beispielsweise Teststrecken für selbstfahrende Autos eingerichtet. NRW beteilige sich an solchen Versuchen zu Verkehrskonzepten der Zukunft leider noch zu wenig, beklagt der Unternehmer und fordert mehr Experimentierfreudigkeit von der Politik. Mit Bedauern stellt er fest, dass derzeit die weitere Ansiedlung von neuen Firmen auf dem Opel-Gelände in Bochum trotz freier Flächen an Lärmschutzauflagen zu scheitern drohe. „Deshalb wird jetzt eine acht Meter hohe Lärmschutzwand gebaut.“ Und in Lennestadt müsse erst ein Artenschutzgutachten zeigen, ob in einem bereits bestehenden Industriegelände eine neue Halle errichtet werden dürfe.

Solche Regeln gefährdeten diewirtschaftliche Zukunft des Landes und die Schaffung notwendiger neuer Arbeitsplätze, beklagt der Unternehmer. „Wir müssen uns entscheiden, ob wir Industrieland bleiben wollen oder Naturschutzreservat werden wollen.“

Autor: Günther M. Wiedemann