02.10.2018

WAZ: Der Trend zum Abitur als Problem - 02.10.2018

Wuppertal. Ortsbesuch beim Werkzeughersteller Knipex in Wuppertal: Die Firma hat ihre Azubi-Abbrecherquote auf null gesenkt.

Der Verband Unternehmer NRW fordert eine Berufsausbildungs-Offensive, um mehr junge Menschen für eine betriebliche Karriere zu motivieren. Hintergrund sind alarmierende Daten zu offenen Lehrstellen und zu jungen Menschen, die in NRW keinen Ausbildungsplatz finden. So stieg die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze zwischen den Jahren 2009 und 2017 um 329 Prozent. Die Zahl der unvermittelten Bewerber wuchs in diesem Zeitraum um 182 Prozent.

„Die Herausforderung ist, Bewerber und Betriebe besser zusammenzuführen“, sagte Tanja Nackmayr, Arbeitsmarkt-Expertin von Unternehmer NRW, während eines Besuches beim Werkzeughersteller Knipex in Wuppertal. „Wir brauchen viel mehr Berufsorientierung an den Schulen, die Schüler müssen mehr Kontakt zur Berufspraxis haben.“ Die Landesregierung müsse dafür sorgen, dass die Ausbildung wieder mehr Wertschätzung erfährt und dass Berufsschulen gut mit Lehrpersonal und digitaler Technik ausgestattet werden. „Der Trend zum Abitur macht uns zu schaffen“, betonte Knipex-Personalleiter Kai Wiedemann. Gleichzeitig sinke die Ausbildungsreife vieler Schüler.

Große regionale Unterschiede

Sorgen bereiten ihnen auch die großen regionalen Unterschiede auf dem Ausbildungsmarkt. Während im Ruhrgebiet das Lehrstellen-Angebot immer noch relativ klein ist (0,67 Ausbildungsplätze je Bewerber), werden in Südwestfalen 1,1 Lehrstellen je Bewerber gezählt. In Herne, Oberhausen und Hagen kommen etwa zwei Bewerber auf eine freie Stelle, in Münster gibt es hingegen im Schnitt fast zwei Ausbildungsplätze je Bewerber. NRW kam Ende 2017 auf eine Quote von 0,81 Lehrstellen und ist damit bundesweit Schlusslicht.

Wie sehr sich Unternehmer anstrengen müssen, um guten betrieblichen Nachwuchs zu finden, zeigt das Beispiel der Firma Knipex. Der Weltmarktführer für Zangen beschäftigt rund 1200 Mitarbeiter und verzeichnet ein Wachstum von jährlich zehn Prozent. „Ausbildung ist für uns überragend wichtig“, unterstreicht Geschäftsführer Ralf Putsch. Knipex hält daher Kontakt zu den Schulen in der Umgebung, lädt 25 Klassen im Jahr zur Betriebsbesichtigung, vergibt 65 Praktikumsplätze an junge Menschen, wirbt auf Instagram, per Whatsapp und geht mit einem Transporter auf „Roadshow“.

So gelingt es dem Unternehmen, jedes Jahr etwa 20 geeignete Auszubildende einzustellen. Abbrecherquote: stolze null Prozent. Geschäftsführer Putsch warnt gern jene, die meinen, es komme nur ein Studium in Frage: „Die Uni ist ein erfahrensverdünnter Raum“, sagt er. Im Betrieb spiele das richtige Leben.

Autor: Matthias Korfmann

Quelle: https://www.waz.de/wirtschaft/wie-eine-wuppertaler-firma-gezielt-um-auszubildende-wirbt-id215472509.html