22.09.2016

„Der MDK ist so etwas wie der Maschinenraum des Gesundheitswesens“

Im Verwaltungsrat stellen die Vertreter der Versicherten und Arbeitgeber die Weichen für die operative Arbeit des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) Nordrhein. Im Interview für den MDK Nordrhein Jahresbericht sprechen die beiden Vorsitzenden, Hans-Wilhelm Köster, zugleich Mitglied der Hauptgeschäftsführung von unternehmer nrw, und Dirk Ruiss, über ihre Aufgaben und die Herausforderung durch die Pflegereform.

Herr Ruiss, Herr Köster, es gibt einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff. Damit verbunden ist insbesondere ein neues System der Pflegebegutachtung mit fünf Pflegegraden statt der bisherigen drei Pflegestufen ab 1. Januar 2017. Wie laufen die Vorbereitungen beim MDK Nordrhein?

Ruiss: Die Umsetzung ist ein Mammutprojekt, bei der alle Beteiligten gut zusammenarbeiten müssen. Es gibt Vorarbeiten durch die Bundesebene, aber auch zahlreiche operative Aufgaben, die der MDK Nordrhein erledigen muss. Die MDK-Gemeinschaft ist hier in gewisser Weise zum Erfolg verdammt. In Nordrhein sind wir bestens aufgestellt.

Köster: Das Thema beschäftigt uns im Verwaltungsrat bereits seit zwei Jahren. Das betrifft zum Beispiel die notwendige Personalausstattung. Der Medizinische Dienst des Krankenkassen-Spitzenverbandes geht davon aus, dass die Medizinischen Dienste durch die Reform gut 30 Prozent mehr Pflegebegutachtungsaufträge erhalten. Deshalb haben wir bereits 2015 einer Personalerweiterung beim MDK Nordrhein um 30 Personen zugestimmt.

Pflegeberatung ist aktuell ein wichtiges politisches Thema. Wie ist der MDK hier aufgestellt?

Ruiss: Der MDK Nordrhein hat bei der jüngsten Versichertenbefragung sehr gute Noten für die Pflegebegutachtung bekommen. Die Versicherten schätzen vor allem die Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und das Fachwissen der Gutachterinnen und Gutachter. Es wurde aber auch deutlich, dass die Betroffenen sich vielfach weitergehenden Rat wünschen. Hier muss man in Ruhe prüfen, ob sich da Aufgaben für den MDK ergeben könnten. Die Pflegeberatung ist aber primär eine Aufgabe der Pflegekassen. Wir haben darüber hinaus in NRW ein sehr ausgeprägtes Beratungsnetz, darunter zum Beispiel die von den Pflegekassen mitfinanzierten Demenzservicezentren, die Wohnberatungsstellen oder Pflegestützpunkte. Deshalb sollten wir darauf achten, dass das Angebot für die Versicherten nicht zu unübersichtlich wird. Die Aufgabe besteht eher darin, die bestehenden Pflegeberatungsangebote vom Land, von den Pflegekassen, von den Kommunen, von den Pflegestützpunkten oder vom MDK besser aufeinander abzustimmen.

Die Mitglieder des Verwaltungsrates haben gleich drei Hüte auf: den des MDK, den der Träger-Pflegekassen und den der Versicherten- bzw. Arbeitgeberseite. Führt das nicht zu einer Interessenkollision?

Köster: Das sind gar nicht so unterschiedliche Hüte. Es ist im Interesse aller, dass wir einen gut funktionierenden medizinischen Dienst haben. Aus Arbeitgebersicht kommt natürlich das Interesse hinzu, Organisation und Aufgaben finanzierbar zu halten. Deshalb sind die Haushaltsberatungen des Verwaltungsrates sehr wichtig. Mein Interesse ist es gleichermaßen, dass der MDK seine Aufgaben gut und effektiv wahrnehmen kann und dass die finanziellen Belastungen für Versicherte und Arbeitgeber nicht überborden. Der MDK Nordrhein hat im Vergleich einen sehr günstigen Beitragssatz für die Trägerorganisationen – und dies bei sehr guter Benotung durch die Kunden.

Ruiss: Wir bewegen uns natürlich in einem Spannungsfeld von Qualität, Wirtschaftlichkeit und Interessen der Trägerorganisationen. Dieses Spannungsfeld muss immer wieder neu austariert werden. Das funktioniert aus meiner Sicht sehr gut: Es gibt ein hochwertiges Leistungsangebot zu einem bezahlbaren Preis und eine nachhaltige strategische Ausrichtung.

In der Öffentlichkeit, gelegentlich aber auch in der Politik, wird der MDK als zu stark an den ökonomischen Interessen der Trägerorganisationen ausgerichtet wahrgenommen. Ein Vorurteil?

Ruiss: Mit solchen Vorwürfen verbinden sich Mythen, die weder rechtlich noch faktisch stimmen. Der MDK ist ein Dienstleister. Er begutachtet. Die konkrete Leistungsentscheidung trifft immer die Kranken- oder Pflegekasse. Und ganz wichtig: Alle medizinischen Begutachtungen unterliegen der Unabhängigkeit.

Köster: Dem MDK ist in der Vergangenheit in der Tat mangelnde Transparenz vorgeworfen worden. Für den MDK Nordrhein kann ich nur sagen, dass wir schon lange auf Transparenz setzen und Kontakt zu den Organisationen des Gesundheitswesens pflegen – zum Beispiel durch Fachtagungen und viele bilaterale Gespräche. Alle Sitzungen des Verwaltungsrates sind übrigens öffentlich. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir mal einen der Kritiker zu Gast hatten, die dem MDK fehlende Transparenz vorgeworfen haben.

Ruiss: Leider wissen manche Kritiker auch nicht, welche Leistungen der MDK für die Versicherten erbringt. Der MDK ist ja so etwas wie der Maschinenraum im Gesundheitswesen und im Pflegesystem. Viele operative Fragen werden geklärt und Lösungen für Versicherte auf den Weg gebracht. Diesen enorm wichtigen Beitrag zu einer fortschrittlichen Gesundheits- und Pflegeversorgung muss man sicher besonders hervorheben. Deshalb unterstützen wir als Verwaltungsrat ausdrücklich, dass der MDK öffentliche Veranstaltungen zu Fachthemen durchführt, seine Expertise anbietet und Netzwerke knüpft. Probleme lassen sich am besten lösen, wenn man Vertrauen zueinander hat. Und Vertrauen entsteht durch Kennenlernen.

Seit diesem Jahr gibt es einen Beirat für den MDK Nordrhein. Was erwarten Sie von der künftigen Zusammenarbeit?

Ruiss: Der Beirat hat die gesetzliche Aufgabe, den Verwaltungsrat bei seinen Entscheidungen zu beraten. Insofern freue ich mich auf Anregungen und konstruktive Diskussionen. Das wird sicher spannend, denn auch die Mitglieder des Beirats kommen aus verschiedenen Bereichen mit durchaus unterschiedlichen Interessen.

Köster: Gerade weil wir uns momentan sehr stark mit dem Thema Pflege beschäftigen, setze ich darauf, dass wir von den Vertretern der Pflegeberufe und Pflegeverbände im Beirat viel unterstützenden Input bekommen.

Welche Rolle spielen im Verwaltungsrat die gelegentlich durchaus unterschiedlichen Interessen der Trägerorganisationen?

Köster: Natürlich gibt es zwischen den Krankenkassenarten strittige Themen. Aber das blenden wir in den Verwaltungsratssitzungen im Wesentlichen aus, weil die Arbeit des MDK Nordrhein für alle Krankenkassen auf die gleichen Ziele hinausläuft und den gemeinsamen Interessen dient. Würden wir im Verwaltungsrat Kassenpolitik austragen, hätte das fatale Folgen und würde eine konstruktive Arbeit nachhaltig erschweren.

Ruiss: Es gibt nicht immer Deckungsgleichheit. Beispielsweise haben die bundesweit ausgerichteten Ersatzkassen, die ich vertrete, ein größeres Interesse an bundesweiten MDK-Projekten, als dies bei landesweit aktiven Kassen der Fall ist. Das gilt zum Beispiel für eine gemeinsame Branchensoftware. Aber wir finden stets Lösungen, die alle mittragen können.

Für alle Krankenkassen gleichermaßen spielt die Aufgabe des MDK, Krankenhausrechnungen zu überprüfen eine wichtige Rolle.

Ruiss: Richtig. Jede falsche Rechnung ist ein Ärgernis und jede falsche Rechnung, die der MDK im Auftrag der Kassen prüft, ist Versichertengeld. Ein Krankenhaus, das aus Versehen oder bewusst eine falsche Rechnung ausstellt, verhält sich rechtswidrig. Das sind keine Bagatelldelikte. Die Versichertengemeinschaft hat einen Anspruch darauf, dass diese Gelder zurückfließen.

Der MDK Nordrhein hat einschneidende Organisationsreformen hinter sich. Wie sehen Sie die Organisation für die Zukunft aufgestellt?

Ruiss: Die großen Reformen sind geschafft und auf den Weg gebracht. Kleinere Nachjustierungen gibt es immer. Da geht es in der Regel um interne Abläufe, die regelmäßig nachgebessert werden müssen. Natürlich können sich durch politische Reformen immer Veränderungen ergeben. Grundsätzlich aber gilt: Der MDK Nordrhein ist auf Jahre hinaus gut aufgestellt und kann allen Herausforderungen begegnen.

Köster: Nach dem Ausscheiden des langjährigen MDK-Geschäftsführers Wolfgang Machnik hat es ja auch im Verwaltungsrat einen fast vollständigen Personalwechsel gegeben …

Ruiss: Bis auf Sie, Herr Köster.

Köster (lacht): Nicht ganz. Als einer von drei Verwaltungsräten in der zweiten Amtsperiode bin ich schon ein Altgedienter. In der Rückschau kann ich sagen, dass der Wechsel reibungslos funktioniert hat. Die Zusammenarbeit untereinander und mit der Geschäftsführung funktioniert ausgezeichnet. Das zeigt sich besonders bei der Bewältigung der aktuellen Herausforderungen durch die Pflegereform. Deshalb sehe ich auch den kommenden Aufgaben sehr optimistisch entgegen.