18.06.2018

Westfalenpost: Arndt G. Kirchhoff: "Ganz NRW wird gewinnen"

Arndt G. Kirchhoff, Präsident von unternehmer nrw, glaubt an die Vision von der smarten Metropole Ruhr.

Verklärtheit zwischen Stahl und Schweiß überwiegend vergangener Tage, letzte Erinnerungen an jede Menge Kohle, über die man im Pott am Kiosk, dem gekachelten Kommunikationszentrum spricht.

Das Ruhrgebiet, einst stolzer Motor der Wirtschaftswunder-Nachkriegsrepublik, lebt nach wie vor viel von Erinnerung statt Aufbruch. Jedenfalls scheint dies die Überzeugung interessierter Betrachter wie Arndt G. Kirchhoff zu sein. Der erfolgreiche Unternehmer aus dem Sauerland spricht als Präsident der Unternehmensverbände des Landes Nordrhein-Westfalen (unternehmer nrw) für einen guten Teil der Wirtschaft in Deutschlands bevölkerungsreichsten und nach wie vor wirtschaftsstärkstem Bundesland.

Die Landesregierung muss jetzt liefern

Dass NRW, global betrachtet, immer noch unter den Top20-Nationen bei der Wirtschaftsleistung steht, ist aber längst nicht mehr allein der Kraft der Betriebe zwischen Rhein und Ruhr zu verdanken. Vielmehr musste die Region, in der über sechs Millionen Menschen leben, in der jüngeren Vergangenheit für Landesregierungen als Begründung dafür herhalten, dass NRW eine im Bundesvergleich unterdurchschnittliche Entwicklung nahm. In der Beschreibung war dies nicht einmal ganz verkehrt, gleichzeitig aber für die Opposition willkommener Anlass, den Verantwortlichen mindestens Untätigkeit vorzuwerfen und das Ruhrgebiet als Ausrede für mieses Wirtschaften im Land darzustellen.

Jetzt ist der amtierende Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) in der Pflicht, der Kritik, die Teil seiner erfolgreichen Wahlkampfstrategie war, Konstruktives, Zukunftsweisendes folgen zu lassen. Mit der Ruhrgebietskonferenz will Laschet mit seinem Kabinett einen neuen Anlauf nehmen, der Region nicht nur den nötigen Aufschwung zu verleihen, sondern sie zu einer Topregion in Europa zu entwickeln.

Die Digitalisierung ist das Sprungbrett

Leicht wird dies nicht, der erste Anlauf ist es auch keineswegs. Vor rund 15 Jahren hieß die Vision Metropole Ruhr. Der Initiativkreis Ruhr, gegründet vor beinahe 30 Jahren, warb vor ein paar Jahren mit dem Slogan „Phönix flieg“ und einem Sammelband guter Ideen für einen Neustart. Die „Innovation City Bottrop“ ist ein Beispiel aus dieser Zeit für den Aufbruch in Modernität - im Kleinen. Nichts hat bislang allerdings nachhaltig zur Initialzündung geführt.

Warum ein neuer Anlauf aus seiner Sicht dennoch richtig und eine Chance für ganz Nordrhein-Westfalen ist, erläutert Arndt G. Kirchhoff, Präsident von "unternehmer nrw", im Gespräch mit der WESTFALENPOST.

Herr Kirchhoff, die Wirtschaft, ihr Verband begrüßt die Initiative zur Ruhrgebietskonferenz. Sie haben zur Sicherheit unter dem Slogan „Das Feuer neu entfachen!“ der Landesregierung zehn Vorschläge gemacht, damit es auch klappt. Wie lange soll es denn dieses Mal dauern?

Arndt Günter Kirchhoff: „Es geht erst einmal um eine Vision. Wir brauchen einen neuen Optimismus und ein Ende des Kirchturmdenkens im Revier. Und wir müssen in großen Linien denken. Das Ruhrgebiet hat riesiges Potenzial. Die Frage, wie lange die Umsetzung dauert, steht am Ende einer Konferenz und hängt auch von den Ressourcen, also Geld und Personal ab.

Es haben sich ja auch schon andere versucht. Von der Metropole Ruhr wird aber kaum noch gesprochen. Was stimmt sie heute zuversichtlich?

Kirchhoff: Anfang der 2000er war das eine ganz andere Zeit, es gab noch nicht einmal Smartphones. Heute erleben wir die Digitalisierung. Sie kann für das Ruhrgebiet zu einer echten Chance werden.

Das bedeutet?

Kirchhoff: Wir haben ganz andere Möglichkeiten. Smart-Mobility, Smart-Factory, Smart-Working und Smart-Living. Dafür bietet gerade ein Ballungszentrum mit sechs Millionen Menschen beste Chancen. Da ist alles möglich. Voraussetzung ist die entsprechende Infrastruktur. Ein stabiles Mobilfunknetz für teilautonomes Fahren etwa. Wir haben die Möglichkeiten für vernetztes Arbeiten von Start-ups mit etablierter Wirtschaft. Junge Leute wollen heute Leben, Arbeiten und Wohnen viel enger miteinander kombinieren. Hier können wir von den Start-ups lernen, die mit ein paar Möbeln von Oma, ein paar Paletten, einem Computer und Kopfhörern ihr Business starten. Das ist eine Zeitgeistfrage. Ziel muss es auch sein, das Ruhrgebiet mit guten Projekten mit internationaler Strahlkraft zu einer Zukunftsregion Europas zu machen. Das ist Denken in großen Linien. Aber wir müssen es in NRW zusammen denken und zusammen machen.

Sie fordern möglichst viel finanzielle Förderung. Woher soll die kommen?

Kirchhoff: Aus Berlin und Brüssel beispielsweise. Wir haben ja auch bereits ziemlich erfolgreich bewiesen, dass wir mit Förderung umgehen können. Denken Sie an die Opel-Flächen, die saniert und vermarktet wurden. Damit hier aber kein falscher Eindruck entsteht: Es ist nicht nur eine Frage des Geldes. Das Ruhrgebiet muss sich auch selbst anstrengen und sich ehrgeizige Ziele setzen. Wir brauchen neue Industrie in der Metropole Ruhr. Das kann gelingen, denn wir haben motivierte Arbeitskräfte, eine ausbaufähige Infrastruktur und eine Hochschullandschaft mit großen Potenzialen. Bessere Voraussetzungen findet man in Europa nicht.

Sie fordern explizit die Unterstützung dieser Idee auch von den anderen Regionen in NRW. Was haben die überhaupt von dieser Fokussierung auf das Ruhrgebiet?

Kirchhoff: Es geht nur über eine landesweite Akzeptanz des gesamten Prozesses. Deshalb müssen die Bedürfnisse benachbarter Regionen berücksichtigt werden. Ein starkes Ruhrgebiet wird eine positive Wirkung haben für den Niederrhein, das Bergische Land, das Münsterland, Ostwestfalen und natürlich auch für Südwestfalen. Alle Regionen haben ihre eigenen Stärken, auf die sie weiter setzen sollten. Durch eine engere Vernetzung können aber alle gewinnen. Etwa wenn neue Start-ups aus dem Ruhrgebiet mit unseren Technologieführern aus dem Sauerland kooperieren. Ganz Nordrhein-Westfalen wird von einer smarten Metropole Ruhr profitieren, vielleicht sogar ganz Deutschland. Das ist meine Überzeugung.

Autor: Jens Helmecke

Quelle: https://www.wp.de/region/sauer-und-siegerland/arndt-g-kirchhoff-ganz-nrw-wird-gewinnen-id214601075.html