02.01.2019

Westfalenpost: „Die ideologischen Bremsen müssen weg“ - 31.12.2018

Im Gespräch mit der WESTFALENPOST blickt Arndt Günther Kirchhoff zurück auf 2018 und nach vorne in ein wichtiges Jahr.

Von Jens Helmecke

Hagen. Arndt Günther Kirchhoff ist erfolgreicher Sauerländer Unternehmer und als Präsident des Dachverbandes Unternehmer NRW Sprachrohr der Wirtschaft im größten Bundesland. Im Gespräch mit der WESTFALENPOST blickt der 63-jährige zurück auf 2018 und nach vorne in ein wichtiges Jahr.

Geht es Deutschland gerade zu gut?

Arndt G. Kirchhoff: „Wir haben ein erfolgreiches Jahr 2018 erlebt. Ich glaube, die Grunddynamik ist intakt. Für 2019 werden 1,5 Prozent Wachstum prognostiziert. Das wäre nach neun Jahren Aufschwung auf hohem Niveau nicht schlecht. Ich warne aber vor Übermut, die deutsche Wirtschaft ist nicht unverwundbar.

Denkt man an den Diskurs um Diesel oder die Energiewende, könnte man meinen, Deutschland zerlegt sich gerade selbst. Was bereitet Ihnen mehr Sorge, ein beschleunigtes Ende des Verbrennungsmotors oder der Kohleausstieg?

Arndt G. Kirchhoff: Beides macht mir große Sorgen: Es geht darum, ob wir weiter Industrie als Quelle unseres Wohlstands haben wollen, oder nicht. Das müssen wir den Menschen deutlich machen. Wir müssen die Zusammenhänge erklären.

Ab wann ist ein Kohleausstieg also möglich?

Arndt G. Kirchhoff: Als Industrie denken wir doch schon längst umweltfreundlich. Wir alle wollen saubere Luft. Was wir jetzt in der Umweltpolitik falsch machen, müssen unsere Kinder und Enkel ausbaden. Da würde ich gerne Fehler vermeiden. Aber wir müssen uns auch fragen, was realistisch ist. Ich denke schon, dass die jungen Generation auch gerne Arbeitsplätze hätte, und zwar auch vor der Haustür. Also: Am grünen Tisch bekomme ich die Energiewende leicht hin. Die Umsetzung ist aber eine andere Sache. Wir brauchen die entsprechende Infrastruktur. In diesem Jahr sind nur 30 Kilometer Leitungen für das neue Stromnetz einer Energiewende gelegt wurden. Wir brauchen aber mindestens 6000 Kilometer.

Also ist ein konkretes Datum nicht seriös zu benennen?

Arndt G. Kirchhoff: Wir können nicht aussteigen, bevor wir absolute Versorgungssicherheit haben. Keinen Tag früher. Ich habe nichts gegen ehrgeizige Ziele. Aber sie müssen technisch machbar und bezahlbar sein. Für die Unternehmen und für die Bürger. Und wenn wir nach der Hälfte der Strecke feststellen, dass wir bei Netzausbau, Speicherkapazitäten und Strompreisen noch nicht so weit sind, müssen wir den festgelegten Zeitpunkt des Ausstiegs entsprechend verschieben. Alles andere wäre wirtschafts- und sozialpolitisch unverantwortlich. Das gilt für die Kohle und ähnlich auch beim Automobil.

Das heißt, die von der EU formulierte Marke von 37,5 Prozent CO2-Reduktion als Flottenziel für die Automobilbauer ist nicht zu erreichen?

Arndt G. Kirchhoff: Es ist zumindest hoch ambitioniert. Man kann das alles fordern, aber man muss auch schauen, ob es technisch möglich ist. Heute wissen wir noch nicht, ob wir 37,5 Prozent schaffen können. Wir dürfen nicht den Fehler machen zu übertreiben und die Industrie, hier die Automobilindustrie, abzuwürgen. Sonst findet Produktion anderswo statt und Arbeitsplätze fallen bei uns weg. Ohne Zweifel wird der Wunsch nach individueller Mobilität aber bleiben. Er wird in anderen Teilen der Welt sogar noch zunehmen. Dagegen steht eine kleine Interessengruppe hierzulande, die keine individuelle Mobilität möchte. Weil aber die Mehrheit sie will, müssen wir die Bedingungen auch so gestalten, dass sie technisch möglich und bezahlbar ist. Daher gilt hier das gleiche wie beim Kohleausstieg. Wir müssen, meinetwegen in fünf Jahren, schauen, ob das Ziel erreichbar ist.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat auch ehrgeizige Ziele ausgerufen. Ist Nordrhein-Westfalen schon auf der Überholspur?

Arndt G. Kirchhoff: Der Anfang der neuen Landesregierung war gut. Gerade die Entfesselungspakete sind richtig, also, wir sehen eine Entwicklung. Aber da muss noch mehr gehen. Es fehlen nach wie vor neue Industriegebiete. Landeswasser- und auch das Naturschutzgesetz sind immer noch auf dem überregulierten Stand der Vorgängerregierung.

Es fehlt Ihnen an Tempo?

Arndt G. Kirchhoff: Bei den beiden Gesetzen müssen die ideologischen Bremsen jetzt zügig weg. Noch haben wir die komplette Wertschöpfungskette und gut bezahlte Arbeitsplätze in NRW. Das beginnt bei Kies und Sand, damit etwas gebaut werden kann und reicht bis zu Stahl und Chemie. Damit das so bleibt, müssen wir in NRW wieder stärker Investitionen in Industrie ermöglichen.

Sie sind engagiert bei der vom Ministerpräsidenten 2018 ins Leben gerufenen Ruhrkonferenz. Gibt es da schon Fortschritte?

Arndt G. Kirchhoff:Bisher sind nur Arbeitsgruppen eingerichtet, getagt hat noch keine. Bis zur Mitte des kommenden Jahres soll es Ergebnisse geben. Wenn wir aus der Weihnachtspause kommen, muss konzentriert zu Werke gegangen werden. Wir brauchen jetzt Tempo, Leidenschaft und ehrgeizige Ziele. Ein Tempo, bei dem keiner den Spaß verliert. Die Chance, unsere Städte smart umzubauen, war noch nie so groß wie heute in Zeiten der Digitalisierung.

2019 ist Europawahl, welche Bedeutung messen Sie ihr bei?

Arndt G. Kirchhoff: Noch ist Europa der größte Wirtschaftsraum auf der Welt. Es ist klug, alle Kräfte zusammen zu bündeln, den Binnenmarkt zu stärken, eine gemeinsame Außen- und auch Sicherheitspolitik zu betreiben. Länderübergreifende Projekte wie bei Airbus oder Siemens/Alstom (bei Zügen) helfen, Europa zu einen. Die wichtigsten Werte sind Frieden und Freiheit. Genau diese Werte müssen wir gegen jede Form von Nationalismus verteidigen. Die Europawahl ist für uns also wohl das wichtigste Ereignis im Jahr 2019.

 

Quelle: Westfalenpost www.wp.de/region/sauer-und-siegerland/kirchhoff-sorgt-sich-wegen-kohleausstieg-und-diesel-aus-id216107233.html