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im Westen

Berufliche Bildung braucht einen ordentlichen Schub – auch in unser aller Köpfe

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit, Torsten Withake, über die Herausforderungen der dualen Ausbildung.

Von Torsten Withake

Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit

Die Herausforderungen unserer nahen Zukunft lassen sich nicht ohne gut ausgebildete Fachkräfte meistern. Junge Menschen wollen daran teilhaben, benötigen aber viele gute Orientierungsangebote, schreibt Torsten Withake, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit

Die duale Berufsausbildung steht aktuell vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits fällt ihr die Aufgabe zu, die zunehmenden Lücken zu schließen, die sich in den Unternehmen aufgrund der demografischen Entwicklung bei qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ergeben. Doch da gleichzeitig auch die Zahl junger Menschen im Ausbildungsalter abnimmt, gerät die berufliche Bildung beim Wettbewerb um die jungen Köpfe zunehmend in Konkurrenz mit der akademischen. Deshalb steht sie gleichzeitig vor der Herausforderung, sich weiter zu entwickeln, um dauerhaft für junge Menschen attraktiv zu bleiben.

Eigentlich sind für junge Menschen die anstehenden Herausforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft eine gute Nachricht. Wer jetzt eine Ausbildung beginnt, kann sich sicher sein, nach dem Berufsabschluss nicht nur einen guten Arbeitsplatz zu finden, sondern darüber hinaus auch gute Entwicklungs- und Aufstiegsperspektiven in Unternehmen vorzufinden. Attraktiv ist auch die Aussicht, durch die vielen Wege, die eine duale Ausbildung in eine sich stetig verändernde und dadurch auch spannende Arbeitswelt öffnet, an der Gestaltung der Zukunft aktiv Anteil zu haben. Doch aktuell erleben viele Unternehmen in NRW, dass die Aussicht auf eine duale Ausbildung offenbar für viele junge Menschen an Attraktivität verloren hat. Sie tun sich zunehmend schwer, Nachwuchs für sich zu gewinnen.

Für mich stellen sich auf der Grundlage dieser Befunde zwei Aufgaben.

Zum einen ist es wichtig, jungen Menschen konsequent weiter die Attraktivität einer Ausbildung zu vermitteln. Ich verbinde damit die sehr wichtige Aufgabe, die Welt der Berufe und der Arbeit Schülerinnen und Schülern erlebbar und erfahrbar zu machen. Wir haben, nicht zuletzt durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie, hier in den vergangenen Jahren Boden verloren, den es wieder gut zu machen gilt. Junge Menschen haben Schwierigkeiten mit der Berufsorientierung – das hat nun noch einmal eine Bertelsmann-Studie dargelegt. Für alle Akteure am Ausbildungsmarkt ist diese Nachricht aber nicht neu. Landesweit haben in den vergangenen zwei Jahren viele Unternehmen und die Partner am Ausbildungsmarkt früh gegengesteuert, mit breit angelegten Aktionen. Doch die Einschränkungen der Pandemie ließen die Berufsorientierung trotz allem Engagement vielerorts noch zu kurz kommen. Umso wichtiger sind regelmäßige Angebote wie zum Beispiel die NRW-Praktikumswochen, die in diesem Jahr vor den Osterferien stattgefunden haben oder aktuell der Sommer der Berufsausbildung. Die gute Nachricht ist, dass wir es alle als Einzelne ein Stück weit selbst anpacken können, etwa über Praktikumsangebote und noch bessere Beratung Schülerinnen und Schülern Sicherheit zu geben, gute Orientierung zu bieten und ihnen einen profunden Einblick in die Chancen, Perspektiven und Möglichkeiten der Berufswelt zu eröffnen.

Die zweite Aufgabe sehe ich darin, zusammen mit Nachdruck daran zu arbeiten, dass die Attraktivität der Ausbildung auch langfristig und damit nachhaltig gesteigert wird. Wir müssen uns im Grundsatz fragen, wie wir Ausbildung noch fortschrittlicher und damit noch attraktiver für junge Menschen gestalten können. Lässt sich der Stellenwert der Ausbildung langfristig so stärken, dass wir nicht um jede einzelne Jugendliche, um jeden einzelnen Jugendlichen werben müssen?

Es gibt zahlreiche Initiativen, Ausbildung nachhaltig zu stärken. Nennen möchte ich als Beispiel die Erweiterung der Durchlässigkeit zwischen den Bildungswegen. Dabei geht es im Kern um neue Bildungsoptionen sowohl innerhalb der beruflichen Bildung, wie sie zum Beispiel die Modularisierung ermöglicht, wie auch im Austausch zwischen beruflicher und akademischer Bildung.

Jugendliche verstehen gut, dass die Entwicklung vieler Berufsbilder ungewiss ist. Aus Unsicherheit zögern nicht wenige, sich frühzeitig auf einen Berufs- und damit Lebensweg festzulegen. Dem kann eine erweiterte Durchlässigkeit in der beruflichen Bildung etwas entgegensetzen. Sie ändert ihr Image grundsätzlich. Die Entscheidung für eine duale Ausbildung bedeutet dann, schon frühzeitig die Basis für viele weitere Bildungsoptionen und Entwicklungsperspektiven zu erhalten. In den Augen junger Menschen stärkt das die Gleichwertigkeit beruflicher mit anderen Bildungsformen.

Die Reformen der vergangenen Jahre haben zwar schon einiges möglich gemacht, doch um den Nachwuchs zu begeistern, müssen weitere Schritte folgen. Ich bin davon überzeugt, dass wir gemeinsam diese gesellschaftliche Aufgabe erfolgreich bewältigen können. Zudem wird die Weiterentwicklung der Ausbildung nicht nur ihre Attraktivität für den Nachwuchs steigern, sondern wird ebenso nachhaltig die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft in NRW stärken. Beides sind die zwei Seiten einer Medaille.

Ein gutes Beispiel dazu hat an diesem Ort - im Klartext-Blog - Dr. Hans-Peter Klös vom IW Köln gegeben: Weiterentwickelte berufliche Bildung wird zur Impulsgeberin für den schnellen Durchbruch neuester Erkenntnisse und Technologien in den Unternehmen. Das ist es, was ich mir wünsche. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber profitieren von den individuell flexiblen Bildungswegen, die ihr Nachwuchs nimmt. Sie bilden aus, um neuestes Know How auf dem kürzesten Weg im Unternehmen zu verankern, und profitieren auch in Zukunft von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit ihren vielfältigen beruflichen Bildungsgeschichten über weiterentwickelte individuelle Stärken und Talente verfügen, die der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens in Zeiten immer kürzerer Modernisierungszyklen zugutekommen. Von daher müssen wir den schulischen Kontext während der Berufsausbildung konsequent fortentwickeln und Synergien nutzen.

Durchlässigkeit ist für mich aber auch noch aus einem anderen, wichtigen Grund ein Schlüsselbegriff. Sie bedeutet auch, Jugendliche zu fördern, die eher nicht auf der Gewinnerseite stehen. Es ist richtig, dass berufliche Bildung zum Beispiel an den Gymnasien wirbt. Doch es wäre falsch, diejenigen zu vernachlässigen, für die der erfolgreiche Einstieg in eine duale Berufsausbildung eine Hürde darstellen könnte. Das mag manchmal mühsamer sein – doch die Agenturen für Arbeit lassen Unternehmen und Jugendliche nicht allein, wenn es darum geht, Talente zu fördern und Fachkräfte zu gewinnen. Und sie können vielerorts auf engagierte Lehrerinnen und Lehrer zählen, die sich jeden Tag für die beruflichen Perspektiven der jungen Menschen engagieren. Das hilft uns überall in NRW!

Unterm Strich bleibt: Die Herausforderungen unserer nahen Zukunft lassen sich nicht ohne gut ausgebildete Fachkräfte meistern. Junge Menschen wollen daran teilhaben, benötigen aber viele gute Orientierungsangebote. Und mithin auch individuell zugeschnittene Förderung. Für alle ist es aber auch von zentraler Bedeutung, dass sich die berufliche Bildung stetig weiterentwickelt. Und last but not least: Unsere Aufgabe nicht nur als Partner am Arbeits- und Ausbildungsmarkt, sondern auch als Erwachsene ist es, jungen Frauen und Männern Perspektiven, Chancen wie auch Wege zu eröffnen und aufzuzeigen. So erhält die berufliche Bildung den ordentlichen Schub, den sie benötigt, um ihre Herausforderungen erfolgreich zu gestalten.