Der NRW-Wirtschaftsblog
Klartext
im Westen

Starke Chemie braucht starke Standortpolitik

Thomas Wessel, Personalvorstand und Arbeitsdirektor Evonik Industries AG und Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Chemischen Industrie NRW: Unsere Branche hat die Ideen, das Know-how und die Innovationskraft. Jetzt braucht es eine Politik, die den Weg für Wachstum, Innovation und Investitionen freimacht!

Eines vorweg: Die Industrie ist auf miteinander verbundene Märkte und gemeinsame Regeln angewiesen. Sie profitiert massiv von der engen Zusammenarbeit über Grenzen hinweg - in Europa und der Welt. Ein Verzicht auf Fachkräftezuwanderung bei 1,5 Millionen offenen Stellen würde unweigerlich zu ihrem Niedergang führen. Wer solche Vorstellungen zum politischen Programm erhebt, verkennt die Realitäten einer globalen Wirtschaft, nimmt eine Deindustrialisierung billigend in Kauf und würde Deutschland und Nordrhein-Westfalen nachhaltig schwächen. Ganz zu schweigen von den Folgen für unser Gesundheits- und Sozialsystem. So weit lassen wir es in NRW nicht kommen. 

NRW braucht eine starke Regierung der politischen Mitte. Das Land an Rhein und Ruhr ist einer der wichtigsten Industriestandorte Europas. Mit rund 120.000Beschäftigten, etwa 500 Betrieben und knapp 60 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr ist die chemische Industrie dabei ein echtes Rückgrat der nordrhein-westfälischen Wirtschaft.

Darüber hinaus sichert sie rund 240.000 weitere Arbeitsplätze entlang der Wertschöpfungskette und stärkt damit die gesamte Region. Sie schafft dadurch gesellschaftliche Stabilität und trägt maßgeblich zum sozialen Frieden bei. Gerade weil so viel auf dem Spiel steht, müssen wir alles daransetzen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Dafür braucht es in Deutschland und NRW anschluss- und zukunftsfähige Rahmenbedingungen:

  • um industrielle Wertschöpfungsketten zu erhalten: Planungssicherheit und verlässliche Politik, 
  • um Genehmigungen mutig zu beschleunigen: Verzicht auf überflüssigen Formalismus und Bürokratie, 
  • um Wettbewerbsfähigkeit herzustellen: international vergleichbare Energie- und CO2-Preise sowie für die Versorgungssicherheit den Ausbau zentraler Infrastrukturen, insbesondere für Wasserstoff, CO2 und Strom,
  • um Zukunft zu sichern: Investitionsförderung und die Unterstützung technologieoffener Innovationen.

Die Landesregierung von NRW hat grundsätzlich erkannt, wie groß das Potential der chemischen und pharmazeutischen Industrie ist. Wir in NRW haben integrierte Chemieparks und Verbundstandorte, Raffinerien, ein enges Infrastrukturnetz, einen starken Mittelstand, exzellente Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie qualifizierte und engagierte Beschäftigte. So war es nur folgerichtig, 2025 mit der Branche den Pakt zur Sicherung des Chemie- und Raffineriestandortes NRW zu schließen und 2026 mit dem Pharmadialog starke Impulse für die Zukunft der Pharmabranche zu setzen. Jetzt gilt es allerdings, die Handlungsempfehlungen auch wirklich umzusetzen: mit konkreten Maßnahmen, klaren Verantwortlichkeiten und einem verbindlichen Fahrplan. Wir brauchen umgehende Entlastungen, bessere Investitionsbedingungen, schnellere Verfahren und zudem einen rascheren Transfer von Forschungsergebnissen in marktfähige Innovationen. Die Vorschläge liegen auf dem Tisch. Die Ergebnisse und Folgen müssen nun endlich an den Werkstoren ankommen!

Gleichzeitig muss strategisches, industriepolitisches Denken über den Werkszaun hinausgetragen und stärker in politisches Handeln eingebunden werden. Dafür sind eine ressortübergreifende Steuerung, eine verlässliche Finanzierung sowie die Verankerung in sozial- und wirtschaftspolitischen Reformprozessen entscheidend.

Unsere Branche hat die Ideen, das Know-how und die Innovationskraft. Jetzt braucht es eine Politik, die den Weg für Wachstum, Innovation und Investitionen freimacht!

Gerade in schwierigen Zeiten entscheidet sich, wer morgen wettbewerbsfähig bleibt. Dazu gehören insbesondere ein Industriestrompreis, der die energieintensive Produktion entlastet, sowie ein wirksamer Carbon-Leakage-Schutz, der verhindert, dass Unternehmen abwandern, solange internationale Wettbewerber zu deutlich niedrigeren Energie- und CO₂-Kosten produzieren können. 

Die Herausforderungen für die Chemie- und Pharmaindustrie bleiben groß. Umso wichtiger sind jetzt ein enger Schulterschluss, der konstruktive Dialog mit der Politik und eine starke Interessenvertretung für Nordrhein-Westfalen und Deutschland. Gerade jetzt brauchen wir eine klare gemeinsame Stimme. NRW kann Industrieland bleiben und zunehmend klimaneutral werden – wenn Politik und Industrie gemeinsam handeln.

Als Partner der trilateralen Chemieregion Nordrhein-Westfalen, Flandern und Niederlande als größtem Chemiecluster Europas kann Düsseldorf das starke industrielle Gewicht der Rhein-Ruhr-Region in Berlin und Brüssel einbringen, um den Unternehmen und damit den Arbeitsplätzen eine sichere Zukunft im Herzen Europas zu garantieren.

Ich bin überzeugt: Wenn es uns gelingt, gemeinsam mit der Politik die Rahmenbedingungen zu verbessern und weiterhin auf Innovation, Zusammenarbeit und Offenheit zu setzen, dann hat unsere Branche eine erfolgreiche Zukunft in Nordrhein-Westfalen.