Eine wettbewerbsfähige Wirtschaft sichert Arbeitsplätze, Wohlstand und ermöglicht
Investitionen, die wir für unsere Zukunft brauchen. Eine Industrie, die vor Ort
ressourcenschonend produziert, ist dafür ein wesentlicher Bestandteil. Für Nordrhein-
Westfalen hat dieses Thema eine besondere Bedeutung, denn unser Bundesland ist
eines der industriellen Zentren Europas.
Warum die Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit längst nicht nur die Stahl-, Automobiloder
Chemieindustrie betrifft, zeigt eine Produktkategorie, die jeder täglich nutzt:
Hygienepapier. Toilettenpapier, Küchenrollen oder Taschentücher gehören zu den
selbstverständlichen Produkten unseres Alltags. Jeder nutzt sie jeden Tag. Sie sind
unverzichtbar für Hygiene, Gesundheit und Lebensqualität.
Wie bedeutsam die Hygienepapierindustrie für Europa ist, belegen die nachfolgenden
Zahlen: Die europäische Hygienepapierindustrie erwirtschaftet jährlich rund 36,6
Milliarden Euro Wertschöpfung, sichert mehr als 421.000 Arbeitsplätze und trägt
16,4 Milliarden Euro an Steuereinnahmen bei. Jährlich werden in Europa rund 8,2
Millionen Tonnen Hygienepapierprodukte hergestellt, was umgerechnet etwa 82
Milliarden Toilettenpapierrollen entspricht. Gleichzeitig bleiben von jedem Euro, der in
der europäischen Hygienepapierindustrie ausgegeben wird, 91 Cent in Europa.
Wer diese Wertschöpfung erhalten und weiterentwickeln will, muss die Bedingungen
betrachten, unter denen hier produziert und investiert wird: Europäische Hersteller
produzieren heute unter hohen Standards und von der europäischen Politik gesetzten
Vorgaben. Sie investieren in Klimaschutz, Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft,
Produktsicherheit und transparente Lieferketten.
Die Herausforderung entsteht dort, wo diese hohen Anforderungen nicht für alle
Marktteilnehmer gleichermaßen gelten. Denn die Wettbewerber sitzen zunehmend
außerhalb Europas. Insbesondere in Südamerika und Asien entstehen neue und
hochproduktive Produktionsanlagen. Diese Global Player profitieren von natürlichen
Standortvorteilen, wachstumsstarken Produktionsstrukturen, geringeren bürokratischen
Anforderungen und deutlich niedrigeren Energie-, Produktions- und Personalkosten.
Für europäische Hersteller bedeutet das: Sie konkurrieren häufig nicht nur mit einzelnen
Unternehmen, sondern mit völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen und politischen
Rahmenbedingungen. Die Folge sind Produkte, die trotz langer Lieferketten in Europa zu
deutlich geringeren Preisen angeboten werden können, als sie in Europa vor Ort
produziert werden.
Das hat eine besondere Relevanz für die Produktion von Hygienepapier. Denn das
Preisbewusstsein der Verbraucher dieser Produkte spielt eine besonders große Rolle.
Der Handel gerät zunehmend unter Druck, seine Kundinnen und Kunden angesichts
steigender Lebenshaltungskosten zu entlasten. Die Folge ist ein harter Wettbewerb um
jeden Cent.
Die zentrale Frage lautet: Wie können europäische Produktionsunternehmen in die
nachhaltige Transformation investieren und ihren Standort sichern, wenn
gleichzeitig die Wettbewerbsbedingungen immer stärker auseinanderdriften?
Das kann nur gelingen, wenn Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit zusammen
gedacht werden. Die Europäische Industrie kann sich zukunfts- und wettbewerbsfähig
aufstellen, wenn Kreislaufwirtschaft als industrielles Geschäftsmodell funktioniert,
und nicht lediglich eine regulatorische Anforderung ist.
Dabei beginnt Wettbewerbsfähigkeit bei den Unternehmen selbst. Es geht um
Produktivität, Komplexitätsreduktion, Kooperation und die schnelle Umsetzung von
Innovationen. Als Grundlage dafür brauchen Unternehmen aber auch
Rahmenbedingungen, unter denen sich Investitionen in Deutschland und Europa
langfristig rechnen.
Das bedeutet: wettbewerbsfähige Energiepreise, weniger Bürokratie, schnelle
Genehmigungsverfahren und faire Bedingungen im internationalen Wettbewerb. Es
braucht Verlässlichkeit für langfristige Investitionen und Geschwindigkeit in der
Umsetzung.
Als eines der industriellen Zentren Europas ist Nordrhein-Westfalen von dieser
Diskussion besonders betroffen. Zukunft entsteht hier auch dadurch, dass wir auf
vorhandener industrieller Stärke aufbauen und daraus neue Wertschöpfung entwickeln.
Das gilt für die großen Grundstoffindustrien ebenso wie für mittelständische
Konsumgüterbetriebe.
Das Beispiel Hygienepapier macht deutlich: Dass ein Produkt täglich gebraucht wird,
bedeutet nicht, dass es auch künftig hier hergestellt wird. Wer Arbeitsplätze, industrielle
Kompetenz und nachhaltige Wertschöpfung in Nordrhein-Westfalen sichern will, muss
die Wettbewerbsfähigkeit vor Ort stärken. Deshalb gehört Wirtschaft auf der politischen
Agenda wieder auf Platz eins.
