Der NRW-Wirtschaftsblog
Klartext
im Westen

Werte-Koalition wider die digitale Diktatur

Von Rainer Maria  Woelki

Kardinal der römisch-katholischen Kirche und Erzbischof von Köln

Europa ist die Wiege von Demokratie und Freiheit. Doch damit sei es bald vorbei. So sieht es der Bestsellerautor Yuval N. Harari in seinem jüngsten Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“: Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Big Data usw. übernehmen bald das Kommando. Algorithmen spähen immer mehr unsere Gefühle aus und machen sich die Menschen gefügig. Eine Avantgarde baut schleichend eine digitale Diktatur auf, hält die Untertanen in Schach, ohne dass diese das als bedrohlich wahrnehmen. Das Ende der Freiheit sei also schon angebrochen. Und die meisten Menschen werden überflüssig. Was dann wohl aus denen wird?

Ist das bloß Science Fiction? Nein, denn wir sehen schon Anzeichen, dass diese Prognose Wirklichkeit wird. Monopolähnliche Plattformen und Portale spähen unsere Interessen und Vorlieben aus. Gigantische Datenspeicherung bis zum Big Data bieten ihnen Informationen über persönliche Nutzer. Die Giganten verkaufen sie und untergraben unsere Privatsphäre. So genannte ‚Cloud Labour Markets‘ und ‚Crowd-Working‘ verlieren das Individuum aus dem Blick. Arbeitsrecht, Jugendschutz, Mindestlöhne u.a. spielen keine Rolle. So genannte künstliche Intelligenz orientiert sich an menschlicher Logik und menschlichen Gefühlen. Das ist nicht Ausdruck des perfekt Menschlichen, sondern des perfekt Technischen. Diskutiert wird schon, ob solchen Humanoiden die Menschenwürde zugesprochen werden soll. Harari scheint also Recht zu haben: Der Zug fährt in Richtung einer Gesellschaft sich selbst steuernder Algorithmen, Manipulation, Anonymität und Entmenschlichung.

Der Grund dafür scheint ebenso einfach wie paradox: Der globalisierte Markt entfesselt einen Egoismus, der sein liberales Fundament selbst zerstört. Eine Marktwirtschaft setzt immer an bei der Idee des freien Individuums: Das ist das Herzstück liberalen Denkens. Wir erleben offenbar gerade, wie sich diese freiheitliche Idee selbst ad absurdum führt, indem sie die Souveränität des Individuums abschafft. Dass sich daran auch ein kollektivistischer Kapitalismus Chinas maßgeblich beteiligt, sollte uns weniger wundern. Ist erstmal die personale Idee aus dem Feld geschlagen, ist Platz für die Klasse der Avantgarde und ihre Diktatur.

"Die Renaissance einer erfolgreichen Ordnungsidee und ihrer Werte ist die gemeinsame europäische Mission. Werden wir so gemeinsam Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft im Zeitalter 4.0!"

Christliche Ethik muss dagegen die Stimme erheben. Der Mensch in seiner Verantwortung vor Gott ist danach Ziel und Mittelpunkt aller Wirtschaft und Technik. Das hat Papst Franziskus in seiner Enzyklika ‚Laudato Si‘ eindrucksvoll unterstrichen. Dem Heilsauftrag Gottes entsprechend ist eine Gesellschaft sozial gerecht, wenn sie den Individuen Eigen- und Sozialverantwortung zutraut und ermöglicht. Die Beseitigung solcher Freiheit ist christlich inakzeptabel.

Doch nicht nur christliche Ethik kommt zu diesem Schluss. Eine freiheitliche Ökonomie etwa erlaubt und fordert Regulierungen, welche die Funktionsfähigkeit des Marktes erhalten (etwa Kartellverbote). Genau solche Intervention ist jetzt geboten, um die Freiheit des Individuums zu schützen. Verantwortliche Menschen müssen die letztlich entscheidenden Akteure bleiben, die die digitale Technik nutzen, aber nicht von ihr determiniert werden. Dafür treten freiheitliche Wirtschaft und Christen gleichermaßen ein. Eine solche Koalition muss gemeinsam wirksame Regulierungen einfordern etwa zum Schutz vor …

- monopolistischen Plattformen, die menschliches Gefühlsleben und Beziehungen manipulieren oder Arbeitsmärkte anonymisieren,

- humanoider Technik und künstlichen Intelligenzen, die die herausgehobene Würde des Menschen in Abgrenzung zu solchen Maschinen relativiert und

- vor sich selbst steuernden Algorithmen, die etwa bei medizinischen Diagnosen allein auf Datenkolonnen schauen und so den Menschen aus dem Blick verlieren.

Christliche wie auch eine am Markt orientierte freiheitliche Ethik sind hier keine Konkurrenten, sondern Verbündete. Dabei geht es um nicht weniger als die Rettung des Menschen als freiheitliches Subjekt und um das Bewusstsein seiner Würde als Gottes Ebenbild. Mit einer gemeinsamen Werteidee können wir ebenso christlich wie freiheitlich Markt und Menschlichkeit versöhnen, Handel treiben und Technologie einsetzen oder eben nicht. So können wir eine schon beschrittene schiefe Bahn kippen. Die Rettung von Individuum und Person ist dabei unser Wettbewerbsvorteil. Wirtschaft und Kirche gemeinsam, ebenso Politik und Wissenschaft sind dafür verantwortlich. Die Renaissance einer erfolgreichen Ordnungsidee und ihrer Werte ist die gemeinsame europäische Mission. Werden wir so gemeinsam Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft im Zeitalter 4.0!

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Rainer Maria Woelki

Kardinal der römisch-katholischen Kirche und Erzbischof von Köln

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